Montag, 6. Februar 2012

Einst

Ich bin gestorben. Mein Leben ist vor meinen Augen an mir vorbeigezogen. Ich habe die schlimmen Zeiten noch mal durchlitten, ich habe die guten lächelnd gehen lassen. Ich habe meine Facebook-Timeline gelöscht.

Jedes einzelne Posting habe ich mir noch einmal durchgelesen. Drei Jahre Leben, akribisch protokolliert. Festgehalten in Worten, die ich zum Teil jetzt nicht mehr verstehe. In Bildern, die mich lachend zeigen, mit vielen Menschen, die ich im wahren Leben kaum mehr sehe. In Musikstücken, die mich auch heute noch zurückkatapultieren in einen Strudel aus Gefühlen. Das Stück, zu dem ich mich verliebt habe, macht mir Herzklopfen. Das Stück, das ich geposted habe, nachdem ich verlassen wurde, bringt mich heute noch zum Weinen.

Du löscht deine virtuelle Vergangenheit und es tut so weh wie Schluss machen. Facebook macht mir weis, mein Leben sei in jedem Moment in der Vergangenheit großartig gewesen. Es sind Herzen auf meiner Timeline, es sind Liebesbeweise, Erinnerungen von Reisen, Abschiedsgrüße vor dem Auslandssemester, wahnwitzige betrunkene Nachrichten, Banalitäten, Erinnerungen. Facebook gibt mir das Gefühl, ich wäre damals ein Mensch gewesen, dessen Leben aus einer Aneinanderreihung von Abenteuern besteht. Mein Leben kommt mir auf einmel trist und langweilig vor.

Ich bin glücklich, heute. Die Depressionen stehen nicht in meiner Timeline. Die Morgen, wo ich vollkommen überfordert war mit einem Lebensstil in TGV-Geschwindigkeit, auch nicht. Ich habe mein halbes Leben gelöscht. Es ist wie Sterben, schreibe ich meinem Herzensmensch. Es ist wie Erwachsenwerden, sagt sie.
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